Von Diven, Düften und Mäusen
In den Gewächshäusern der Vetterli Schnittblumen AG blüht es schon seit 80 Jahren. Neben zwei Generationenwechseln, einer modernisierten Infrastruktur und wechselnden Trends, gibt es Dinge, die Bestand haben – die Gerbera zum Beispiel.
In der Werkhalle von Vetterli Schnittblumen verpackt eine Mitarbeiterin Anfang Juni frisch geerntete Gerbera in Zehnerbunde. Daneben ist eine gross gewachsene, schlanke Mittfünfzigerin mit kurzen braunen Haaren am Rüsttisch zugange. Es ist Karin Rüttimann, geborene Vetterli. Sie richtet Sträusse und Bunde mit bereits geöffneten Blumen für die kleine Selbstbedienung her. Um ihre Beine wuseln zwei kleine Kinder. Die beiden Enkel verbringen einen Tag in der Woche in der Gärtnerei, begleiten sie durch die Gewächshäuser, spielen im Aufenthaltsraum, schlafen hinter dem Arbeitstisch. Ein wenig wie Karin als Kleinkind, wenn ihre Mutter, eine Kindergärtnerin, sie nicht mit in den Kindergarten nahm. Annemarie und Alfred Vetterli, die Urgrosseltern, schauen ebenfalls zu den Kindern. Sie wohnen wie das Ehepaar Rüttimann im roten, zweigeteilten Haus gleich nebenan. Sie haben es vor zehn Jahren neu gebaut, anstelle des alten Wohnhauses aus den 1960er-Jahren, in dem Karin aufgewachsen ist. 1964 war Vetterli Schnittblumen nämlich von Zürich Altstetten an die Reuss ins aargauische Jonen gezogen.
Das Image der Lilie
Von den ursprünglichen Glashäusern steht heute nur noch eins. Die anderen wurden nach und nach durch effizientere und grössere ersetzt. Jürg Rüttimann führt mich durch die Kulturen, während seine Frau vorne weiterarbeitet. «Die Tulpen für die nächste Saison sind bestellt, Ende November kommen die ersten ins Gewächshaus», erzählt er. Wir gehen an Lilien vorbei. Sie lösen die Tulpen im Frühling ab und kommen ab März oder April in den Verkauf. Die Pflanzen stehen in Kisten auf Wägen und sind an das zentral gesteuerte Bewässerungssystem angeschlossen. Dank der Hors-sol-Methode können sie das Restwasser auffangen und wiederaufbereiten. Zudem werden Böden und Grundwasser nicht durch Düngemittel belastet. So werden bei Vetterli die meisten Blumen zur Blüte gebracht.
Sie habe ein Imageproblem, meint Rüttimann über die Lilie, obwohl sie als Schnittblume sehr lange halte und enorm wirke. Sie verkaufen heute noch 130 000 Stück pro Jahr. Früher waren es 300 000 bis 400 000. «Es hat sich in den Köpfen festgesetzt, dass ihr starker Duft Kopfschmerzen verursacht! Dabei sind das nur die orientalischen Sorten, unsere asiatischen duften gar nicht oder nur sehr dezent.» Auch der Blütenstaub schrecke viele ab, obwohl er trocken einfach ausgebürstet werden könne. Rüttimann zeigt auf einen Wagen mit Lilien: «Wir haben erste Züchtungen ohne Pollen im Angebot, wie die ‘Orange Cocotte’ hier.» Erfahrungsgemäss dauere es aber eine Weile, bis die Kundschaft aufspringe.

Anstelle von Lilien haben sie Alstroemeria, Limonium sinuatum (Statizen) und Limonium sinensis aufgenommen. Das laufe sehr gut, ausser dass die Wühlmäuse an den Wurzeln der Statizen Gefallen gefunden hätten – die Limonium-Sorten wachsen nicht in Kisten, sondern im Boden. Bei den Alstroemeria steige die Nachfrage konstant. Das Gute: Sie ist im Anbau unkompliziert und wird bis zu zehnjährig. Im Frühling könnten sie täglich «tonnenweise» ernten. Rüttimann zupft einige Pflanzen aus dem Substrat. «Im Sommer lichten wir sie aus, damit sie sich regenerieren können.» Dann werden sie nur noch ein- bis zweimal pro Woche geschnitten. Im Winter blühten sie wegen der zu langen Nächte dann nur noch sehr spärlich.
Wenn der Winter zum Sommer wird
Schädlinge wie Thripse lassen sich bei der Alstroemeria gut mit Nützlingen bekämpfen. Nicht so einfach sei dies bei den Gerbera. Die Schädlinge vermehren sich in Wellen. Wenn die Nützlinge ihre Arbeit gut machen, vermindert sich deren Nahrungsangebot und sie werden weniger. Dann können sich die Schädlinge wieder vermehren. Sporadisch müssten sie zusätzlich mit chemischen Mitteln spritzen. «Wir verzichten wann immer möglich darauf, weil wir sehr viel Zeit in den Kulturen verbringen. Da sind uns Nützlinge sympathischer.» Die Gerbera sei eine kleine Diva, die gerne «gehöbelet und gebibäbelet» werde. Sie und die Gloriosa, auch keine Einfache, haben sämtliche Trendschwankungen überlebt, anders als die einst sehr beliebten Dianthus und Chrysanthemum, welche sie schon seit 1970 nicht mehr produzieren. Die Gerbera kann dank einer Kunstlichtanlage das ganze Jahr über geerntet werden und bleibt mit zusätzlicher CO2-Düngung auch im Winter robust. Das heisst, sie braucht keinen Stützdraht. Neue Sorten bringen regelmässig frischen Wind: die mini, die kugelförmigen oder zuletzt die spinnenförmigen wie die gerade sehr angesagte Gerbera sensini – welche leider auch bei den Schädlingen sehr gut ankomme …
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