Leseprobe

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Ein Gefühl von
Zuhause

In Lugano bedient seit zehn Jahren ein kleiner Blumenladen eine gehobene Klientel. Die Frau dahinter ist Loredana Tucci. Sie hat eine lange Reise hinter sich und ist noch überhaupt nicht müde.

Das Schweizer Fähigkeitszeugnis und Buchhaltungsdiplom nachholen? Die Berufsprüfung auf Deutsch absolvieren? An Wettkämpfen in der französischen Schweiz teilnehmen? «Si!», sagt Loredana Tucci. Was die Süditalienerin will, packt sie an und gibt nicht auf, bis sie es erreicht. Seit zehn Jahren ist die 58-Jährige in Lugano zu Hause und Inhaberin von La Fioreria, einem kleinen Blumenladen fünf Gehminuten vom See entfernt. Schon mit Anfang zwanzig, als sie in Salerno, einer Küstenstadt südlich von Neapel, in der Buchhaltung und im Personalwesen einer grossen Firma arbeitete, zog es sie zu den Blumen. Sie kümmerte sich nebenher um die Hochzeitsfloristik eines Blumengeschäfts – ohne floristische Ausbildung. «Ich bin ein Naturtalent», sagt die kleine, robuste Frau mit den halblangen weissen Haaren und lacht. Eine Berufslehre wie in der Schweiz gibt es in ihrer Heimat nicht, also besuchte sie beim italienischen Floristenverband Kurse und sammelte im Blumenladen Erfahrung.

«Getraut euch!»

Als ihre beiden Kinder in Lugano studieren wollten, zügelte die ganze Familie mit in die Tessiner Stadt am Nordufer des Luganersees. «Anstatt das Meer habe ich jetzt den See», sagt sie. Ihr Lokal, das eine vorwiegend zahlkräftige Kundschaft anzieht, liegt etwas zurückversetzt von der Strasse. Sie hat es mit Grünpflanzen und Winterblühern umgeben, das Ladeninnere überquillt vor Blumen, in der hinteren Ecke blinkt in einem Meer von Poinsettien ein Weihnachtsbaum – er ist Teil der Weihnachtsausstellung «Christmas Emotion». Bilder, Spiegel, üppige Kunstblumen und Zimmerpflanzen verleihen dem Raum etwas Wohnliches. Das ist es, was Tucci anstrebt.


Die Inhaberin (links) berechnet die Margen sorgfältig.

«Ich richte gerne ein», sagt sie, «und versuche der Kundschaft für kurze Zeit ein Gefühl von Zuhause zu geben.» Damit hebt sie sich ab von den Grossverteilern. «Wir bieten eine Atmosphäre, Musik, Duft, ein Lächeln», sagt auch Tanja Streun, die im 70-Prozent-Pensum mit anpackt. Loredana Tucci verrechnet knallhart jeden Arbeitsschritt – da kommen die Buchhalterin und Unternehmerin in ihr zum Vorschein. Aber auch das Handwerk und der eigene Stil seien enorm wichtig, um bestehen zu können. «Wenn du einzigartig bist, kommen sie wegen dir.» Die Branche brauche mehr Mut, mehr Selbstvertrauen, findet sie und versucht das auch den Lernenden zu vermitteln, die sie an der Berufsschule in Mezzano im Verkaufen unterrichtet und als ÜK-Instruktorin unterstützt. Wenn es klappt, wird sie im Sommer eine Lernende ausbilden. «Getraut euch, zeigt euch, glaubt an euch!», ist ihre Botschaft auch für Berufskolleginnen und -kollegen. Sie selbst lebt das vor. Loredana Tucci engagiert sich im Tessiner Vorstand des Floristenverbands…

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