Leseprobe

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Stetig
gewachsen

Martina Tschan und Daniel Bolliger aus Wiedlisbach stellen sich den Herausforderungen der Zukunft: Nachdem sie den Familienbetrieb Blumen Tschan übernommen haben, sind zwei Filialen dazugekommen.

In Wiedlisbach riecht es an diesem Montagmorgen immer noch nach dem Feuer. Gleich zweimal kurz nacheinander hatte es im Coop gebrannt, wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Viel ist vom Gebäude nicht übrig geblieben. Nur 150 Meter von der Brandruine entfernt liegt Blumen Tschan. Martina Tschan und Daniel Bolliger sind sichtlich betroffen von den Bränden. «Zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen», sagt sie. Mitbekommen haben sie das Feuer in beiden Fällen nicht unmittelbar, weil es jeweils am Abend ausbrach, und sie ungefähr einen Kilometer entfernt wohnen. Seit 2017 führt das Paar das Blumengeschäft, das seit 1931 im Ort ansässig ist. Übernommen haben sie es in vierter Generation – von Tschans Tante Elsbeth Fluri-Tschan.

Was von aussen besehen ein klar abgezeichneter Berufsweg zu sein scheint, hat sich in Tat und Wahrheit über Umwege angebahnt. Denn Tschan liess sich zunächst zur Fachfrau Gesundheit ausbilden und arbeitete anschliessend zweieinhalb Jahre auf dem Beruf. «Doch ich habe gemerkt, dass es nicht das Richtige ist.» Als es im Blumengeschäft um die Nachfolge ging, wurde diese für die junge Frau zu einer realen Perspektive. Innerhalb der Familie sei sonst niemand in Frage gekommen.

Lehr- und Wanderjahre

Also sattelte sie um, absolvierte bei Aebi’s Blumenparadies in Langenthal BE die verkürzte Lehre zur Floristin. Anschliessend arbeitete sie in zwei weiteren Geschäften; sammelte erste Erfahrungen als Geschäftsführerin und besuchte die Meisterschule bei Nicole von Boletsky, die sie in Innsbruck (A) abschloss. Da war Daniel Bolliger bereits ihr Lebenspartner. Er erwies sich auch in geschäftlicher Hinsicht als perfekte Ergänzung. Der Betriebsökonom, der neben seiner Tätigkeit für Blumen Tschan in einem 80-Prozent-Pensum extern arbeitet, ist für die Zahlen, den Webauftritt, die langfristige Planung zuständig. Martina Tschans Aufgabengebiet sind unter anderem die Mitarbeiterführung, die Kundenpflege und die Konzeption von Laden und Aufträgen. Und: «Ich mag es gerne spontan.»

Seit der Übernahme vor bald zehn Jahren haben die beiden 39-Jährigen privat und beruflich viel aufgebaut. Fast ein bisschen atemlos klingt ihre Erzählung: Zuerst der Einstieg ins Geschäft, dann 2018 die Eröffnung des «Blueme-Kaffii» und des Selbstbedienungshäuschens. 2020 folgte die Übernahme der Filiale in Wangen an der Aare, 2025 diejenige im Bahnhof Solothurn sowie die Geburt zweier Buben, die inzwischen drei und fünf Jahre alt sind.

«Ohne die Unterstützung von Familie und Bekannten und ohne ein super Team, könnten wir das so nicht machen», sagt Martina Tschan. Sie ist jeden Tag im Hauptgeschäft, am Morgen früh, um sich mit den Teams der drei Standorte abzustimmen.


Inhaberin Martina Tschan weiss, wie man Räume effektvoll bespielt – dank ihrer Meisterausbildung.

Dabei gehe es insbesondere um Fragen rund um den Einkauf und das Tagesgeschäft. Und immer wieder steht sie tageweise selber im Verkauf, wie am vergangenen Sonntag im Bahnhof Solothurn. Ein grosses Glück sei, dass sie für jeden Standort gutes Personal gefunden hätten, das eigenständig arbeite. Und dann sind da mehrere Pensionäre – darunter Tschans Vater, ein gelernter Gärtner –, die Tante oder die Mutter, die alle helfend einspringen.

Attraktive Arbeitseinsätze

Für die Wirtschaftlichkeit sind die Filialen ein Faktor geworden: Dadurch können beim Einkauf und beim Personal Synergien genutzt werden. In Solothurn etwa hätten sich durch Öffnungszeiten an 365 Tagen attraktive Schichteinsätze ergeben, so Tschan. Die Gelegenheit für die beiden Übernahmen sei an sie herangetragen worden. Im Fall von Wangen mit dem Beginn der Pandemie zu einem heiklen Zeitpunkt. Das Risiko der Eröffnung im August 2020 habe sich aber gelohnt. Überhaupt war die Pandemie in geschäftlicher Hinsicht ein Höhepunkt. Und sie hat neue Kundschaft ins Geschäft geführt. Trotzdem: «Seitdem verzeichnen wir Jahr für Jahr zurückgehende Umsätze», sagt Bolliger. Deshalb müssten sie sich auch immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Bei den Geschenkartikeln sind es aktuell personalisierte gelaserte Holzbrettchen. Anlass des Jahres ist die weitherum beliebte Weihnachtsausstellung, die seit Corona mit neuem Konzept begeistere. Floristisch deckt Blumen Tschan von der Hochzeit bis zum Trauerfall das ganze Spektrum ab. Ein wichtiges Standbein sind zudem die Daueraufträge, beispielsweise von Restaurants. Doch auch dies ist ein hartes Pflaster geworden. Viele haben zugemacht, wie das Café vis-à-vis, das nun durch eine Physiotherapiepraxis ersetzt wird.

Wiedlisbach liegt im Oberaargau, im äussersten Nordosten des Kantons Bern. Das Einzugsgebiet ist ländlich geprägt und führt bis nach Balsthal im solothurnischen Bezirk Thal. Die nächstgrössere Stadt ist Solothurn. Der Schritt dorthin war ein schon länger gehegter Wunsch. «Die Niederlassung im Bahnhof hat sich als eine Art Visitenkarte erwiesen. Ab und zu kommt  die Kundschaft bis nach Wiedlisbach …

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